6. April 2017

SPOILER AHEAD! Mass Effect Andromeda

Durchwachte Nächte, Augentropfen und die Rettung einer Galaxie


Seit einigen Wochen ist es von meiner Seite her ziemlich still geworden auf diesem Blog. Das hat einen ganz bestimmten Grund. Und dieser nennt sich „Mass Effect Andromeda“. Ich habe zu den Verrückten gehört, die am 23.03.2017 um Mitternacht an ihrem PC saßen und auf „spielen“ klickten, pre-load sei Dank. Vor einigen Tagen habe ich dann meinen ersten Durchgang beendet und versuche mir seitdem klar zu werden, was ich von dem Spiel halte. Nein, ich gehöre nicht zu denen, die es hassen, aber eine gewisse Enttäuschung hat sich schon breit gemacht.

Nachfolgender Text enthält eine Menge Spoiler, weiterlesen also auf eigene Gefahr.

Beginnen wir mit der eigentlichen Handlung. Die Völker der Milchstraße erreichen nach einem 600 Jahre andauernden Flug die Andromeda Galaxis, genauer den Heleus-Cluster. Die Reisezeit haben sie in Stase verbracht. Bei der Ankunft kommt es zu Problemen – alle potenziellen Siedlungswelten sind ungeeignet. Zudem erschwert ein „Geißel“ genanntes Phänomen die Raumfahrt in diesem Sektor. Die menschliche Arche „Hyperion“, auf der unser Charakter stationiert ist, wird zum Ausgangspunkt unserer Mission, lebensfähige Welten und auch die anderen Schiffe zu finden.
Mich hat die Handlung des Spiels zu keinem Zeitpunkt wirklich überraschen können. Ich weiß natürlich, dass man das Rad nicht neu erfinden kann und alle Geschichten irgendwann erzählt sind, aber es wurmt mich doch sehr, dass ich keinen Moment das Gefühl hatte, dass jetzt etwas unerwartet passiert. Auch finde ich die Entwicklung der Hauptmission zu langsam, dafür rennt man aber ständig in der Gegend herum um irgendwelche Nebenquests zu erledigen und reist dafür auch mal zu drei verschiedenen Planeten. Grundsätzlich finde ich das schon in Ordnung, aber in Andromeda nimmt es einfach zu große Ausmaße an. Statt Sammelquests wären mir mehr Aufgaben, die die Gefährten oder anderer Charaktere betreffen, lieber gewesen.
Vielleicht bin ich schon zu abgeklärt und habe zu viel gelesen, gesehen oder gespielt. Das bedeutet nicht, dass mir die Geschichte nicht gefallen hätte, aber sie war nichts Neues. Sie hätte es werden können. Das Potenzial war da.

Kommen wir zu einem kleinen (oder größeren) Punkt, der mich persönlich hingegen mehr gestört hat: Bugs und Glitches. Ich habe bestimmt 4 Stunden meines Lebens auf Elaaden damit verschwendet, den letzten Reliktknoten und das letzte Datenpad für eine Nebenmission zu finden, die einfach nicht gespawnt sind, weil die Quest wohl buggy ist. Eine Nebenquest ist bei mir gar nicht erst getriggert worden, und das ist nur eine, von der ich weiß. Keine Ahnung, ob es da draußen noch mehr gegeben hätte und dieser Gedanke gefällt mir ganz und gar nicht.
Natürlich ist das Spiel erst erschienen und hat wohl noch seine Kinderkrankheiten. Aber ich kann mich an gute Spiele erinnern, die auf den Markt kamen, und das Problem nicht hatten. Zum Beispiel kann ich mich nicht erinnern, dass Dragon Age: Inquisition solche Probleme verursacht hätte und es stammt aus demselben Haus.

Jetzt kommt der Moment, an dem ich mich wohl am Meisten aufregen werde. Gehen wir auf die Gefährten näher ein, zuerst auf die sechs, die man im Kampf mitnehmen kann. Die eine Hälfte liebe ich, die andere eher nicht. Mit Drack, Vetra und Jaal haben die Entwickler sehr schöne Charaktere geschaffen, gerade Drack ist eigentlich immer in meiner Squad dabei.
Jaal sowie die Angara allgemein finde ich sehr interessant gestaltet und er hat es mir definitiv angetan. Vielleicht liegt das an seinem treuherzigen Hundeblick, den er des Öfteren aufsetzt, und dem ich einfach nicht widerstehen kann … Spaß beiseite. Vermutlich weil er eine neue Rasse darstellt, hat man besonderes Augenmerk auf die Ausgestaltung seines Charakter gelegt.
Sprechen wir über die anderen drei, die auf meiner Tempest demnächst einen Weltraumspaziergang ohne Anzug unternehmen.
Starten wir mit Cora. Sie nervt mich von der ersten Minute an. Ich kann ja noch verstehen, dass die damit hadert, dass sie nicht der nächste Pathfinder wurde. Aber diese ständige Anbetung von Matriarchin Sarissa geht mir dermaßen auf den Zeiger, dass ich schon alleine deswegen gegen sie als Pathfinderin entschieden habe. Cora ist nicht fähig dazu, eigenständig zu agieren, und auch, wenn sie es im Verlauf des Spiels selbst erkennt, ist es dann einfach zu spät, um sie noch zu mögen.
Machen wir mit Liam weiter. Anfangs war mir sein Charakter gar nicht so unsympathisch. Bis er seinem Helfersyndrom vollen Lauf gelassen und sensible Informationen weitergeben hat. Ja, die Initiative ist keine militärische Organisation und nicht alle Gefährten Soldaten. Liam ist militärisch ausgebildet. Und in welchem Universum ist es eine gute Idee, den Standort seiner Hauptbasis bei gleichzeitiger Bedrohung durch die Kett oder andere Parteien preis zu geben? Natürlich musste das schief gehen, was in seine Loyalitätsmission gipfelt. Eigentlich hätte ich mir sehr die Möglichkeit gewünscht, ihm eine runter zuhauen, aber das wurde nicht eingebaut. Die Loyalitätsmission hatte allerdings durchaus ihre witzigen Momente und ich habe mich gut amüsiert. Das ändert allerdings nichts an den Tatsachen. Da nach dieser Mission die Möglichkeiten zur Interaktion mit Liam so ziemlich erschöpft sind, hat er kaum eine Chance diesen Fauxpas wieder gut zu machen.
Widmen wir uns Peebee. Ich kann sie nicht leiden. Wirklich nicht. Ich finde ihren Charakter nicht frech, sondern einfach nur kindisch, egoistisch und dumm. Schon das erste Zusammentreffen mit ihr fand ich nicht gerade umwerfend (Schenkelklopfer ...). Während all der Gespräche, in denen sie meinte, sie würde vielleicht nicht bleiben, hätte ich ihr am Liebsten beim Packen geholfen. Spätestens in dem Moment, indem sie sich und Ryder in einer Rettungskapsel in das Innere eines aktiven Vulkans befördert, war sämtliches Verständnis meinerseits völlig aufgebraucht. Sie jagt Ryder in einen Vulkan für ihr Reliktartefakt, um dann lieber ihre Ex zu retten, die mehrmals auf alle geschossen und sie bestohlen hat. Muss ich wirklich erwähnen, dass ich die Zerstörung des Artefakts nicht zugelassen habe? Dabei hat meine Sara eigentlich immer Menschen gerettet, aber in einem aktiven Vulkan ist der moralische Kompass dann doch davongeschmolzen. Habe ich schon erwähnt, dass Peebee Ryder in einen aktiven Vulkan in einer Rettungskapsel geschossen hat? Ja ja, ich weiß, aber ich überwinde es einfach nicht.

Natürlich kann man mit einigen dieser Gefährten auch Romanzen eingehen. Durch meiner Ablehnung dreier Charaktere, die auch als Romanzen fungieren, ist meine Auswahl jedoch sehr begrenzt. Eigentlich war Jaal ja als Partner meines Herzens gedacht. Aber dann kam …

Reyes Vidal. Und ich weiß genau, einige der männlichen Leser werden jetzt bestimmt aufstöhnen von wegen Bad Boy usw. Mal davon abgesehen, dass ich ihn nicht dafür halte bzw. eine andere Definition eines „Bad Boys“ habe, war mir Reyes von Anfang an sehr sympathisch. Also habe ich mich auf einen Flirt eingelassen. Meiner Ansicht nach ist nie etwas wirklich Dramatisches passiert, aus ein paar Küsse, aber auf einmal konnte ich die Romanze mit Jaal nicht mehr verfolgen. Ein Blick in den Kodex offenbarte, dass meine Sara jetzt wohl mit Reyes zusammen war, obwohl rein gar nichts darauf hindeutete. Ein wenig mehr hätte ich mir von der Reyes Romanze schon erwartet, zumal man am Ende des Spiels nicht mal einen Kuss bekommt.
Nein, ich spiele das Spiel nicht wegen nackter Männerkörper, die kann man sich anderweitig grafisch ansprechender besorgen. Aber von einem Spiel, dass aktiv mit der Möglichkeit eine Beziehung mit einem Gefährten einzugehen wirbt, erwarte ich mehr. Schon alleine nach den fast schon skandalösen Artikeln im Vorfeld, die Andromeda als „Weltraum Porno“ verurteilten. Ich habe Nichts gesehen, dass nicht auf vor 14 Uhr im Fernsehen laufen würde. Von allen Romanzen in diesem Spiel ist die mit Reyes wohl die langweiligste und unergiebigste, auch wenn er definitiv der interessanteste Charakter ist.

Ein Ryder kommt selten alleine, soll heißen, es gibt einen Zwilling. Nur dass dieser Zwilling so gut wie das ganze Spiel über im Koma liegt und man nicht viel mit ihm anfangen kann. Kurz vor Ende erwacht er dann, um – wie unerwartet – entführt zu werden. Meiner Meinung nach hätte man ihn auch weglassen können. Es hat für mich den Anschein, als hätten die Entwickler sich überlegt „Hey, wie kommt der Archon an ein SAM-Implantat? Oh, lassen wir Ryder einen Zwilling haben!“ Es gibt kaum Dialogoptionen und er oder sie ist für die Charakterentwicklung des spielbaren Ryders völlig unerheblich.

Kommen wir also zu meinem Fazit über Mass Effect Andromeda. Einerseits ist ein völlig akzeptables Spiel mit einer einigermaßen interessanten Story und annehmbaren Charakteren. Andererseits hatte ich aber wesentlich mehr erwartet, vor allem mehr Sorgfalt gerade bei den für das Spiel wichtigen Charakteren. Ich finde, es wird den Versprechungen nicht gerecht. Die Entscheidungen im Laufe der Handlung haben so gut wie keine Auswirkung auf das Ende, denn es ist im Prinzip völlig egal, für was man sich entscheidet. Und das macht mich ein wenig traurig.