22. Oktober 2015

Mein größter Feind bin ich selbst

Vor einiger Zeit habe ich Euch etwas über meine Begegnungen mit der Schwarzen Frau erzählt. Es waren nur kurze Schlaglichter auf mein Bemühen, ein normales, glückliches Leben zu führen. Aber was bedeutet es eigentlich, Tag für Tag mit Depression zu leben? Wie äußert es sich bei mir?
Abgesehen von den langen Phasen schlechter Stimmung, herrscht bei mir ein zentrales Problem vor: Mangel an Vertrauen. Ob in mich, meine Umwelt oder eine übergeordnete Gerechtigkeit – mein Vertrauen hat sich in den Jahren verflüchtig. Gepaart mit meinen überaus sensiblen zwischenmenschlichen Antennen, ist jede Begegnung mit anderen Menschen eine überaus zehrende Angelegenheit. Warum?

Ein Beispiel:

Eine mir nahestehende Person fängt an, sich anders zu verhalten. Meine feinen Fühler registrieren ihr Mienenspiel, ihre Körperhaltung, den Ton ihrer Stimme. Die Analyse umfasst alles: Änderungen im Umgang mit mir. Ich stelle fest, irgendetwas stimmt nicht, sie verhält sich nicht wie zuvor. Eine Änderung von einem Tag auf den anderen. Soweit so gut, eine normale Analyse, die jeder durchführt und die grundlegend für unser soziales Miteinander ist.

Wo ein Mensch ohne Depression oder Unsicherheiten sich jetzt damit beschäftigen könnte, was der Grund für diese Verhaltensänderung ist ohne sich sofort infrage zu stellen, reagiert mein Gehirn anders. Im Grunde ist die Bewertung dieser Informationen anerlernt. Man greift wie ein Computer auf ein mehr oder weniger feststehendes Bewertungssystem zurück, was völlig normal ist. Meine Bewertung ist aber, ich möchte nicht sagen falsch, aber sehr unvorteilhaft. Ich komme zu dem Schluss, dass betreffende Person ihr Verhalten verändert hat, weil ich a) etwas falsch gemacht habe und sie wütend auf mich ist oder sie b) kein Interesse mehr an mir hat. Beide Varianten führen in meiner erlernten Analyse dazu, dass ich verlassen werde. Jetzt wird das Notfallprotokoll aktiv. Natürlich möchte ich das um jeden Preis verhindern. Somit kommt es zu etwas, das man „selbsterfüllende Prophezeiung“ nennt. Entweder reagiere ich trotzig-zickig, um mich von dem Schmerz des Verlassenwerdens zu distanzieren, oder ich klammere. Beides führt in der Regel dazu, dass die Person mich verlässt, aus guten Gründen, weil sie es nicht aushält. Tut sie es nicht, ist sie enorm verständnisvoll oder hat vermutlich selbst eine Persönlichkeitsstörung.

Was ist in der Realität wirklich passiert?

Besagte Person hatte eine Verhaltensänderung, aber nicht wegen irgendetwas, das ich getan hätte, sondern wegen ihrer eigenen Probleme. Insofern war meine Wahrnehmung nicht falsch, nur meine Analyse und der Schluss, den ich gezogen habe. Der erste Schritt der Wahrnehmung ist das, was ich unbedingt erhalten möchte, aber die Denkmuster in mir zu ändern, kostet Zeit und vor allem positive Beispiele. Jetzt sind die nicht gerade an jeder Ecke zu finden, das Gegenteil ist leider der Fall.

Jede Begegnung setzt mich also unter Stress, denn ich bin mir inzwischen der Mechanismen bewusst und möchte sie ändern. Darum ging es auch in der Klinik. Aber wenn man wenig positive Erfahrungen macht, ist die Angst groß und der Mangel an Vertrauen und das Misstrauen allgegenwärtig. Denn natürlich gerät man immer wieder an diverse Leute, die einen ausnutzen und verletzen. Je nach Beziehung beeinflusst das mehr oder weniger. Eine zufällige Bekanntschaft, die einem übel mitspielt, wiegt nicht so schwer, wie wenn es ein Elternteil tut. Diese Erfahrungen zu trennen von dem, was alltäglich, was WIRKLICH ist, ist schwer. Es führt dazu, dass ich mich selbst ständig hinterfrage, meine Gefühle und Beobachtungen kritisch sehe und so leider auch einiges verpasse, was mich schützen könnte. Es ist ein ständiger Kamp, der nicht in meinem Unterbewusstsein abläuft, wie es eigentlich sein sollte, sondern mich permanent beschäftigt und viel Kraft kostet. Die meiste Zeit überfordert es mich und ich fühle mich hilflos.

Diese Analyse ist etwas, das sich vor allem in der Kindheit einprägt. Ein Kind nimmt alle Verhaltensänderungen seiner Bezugspersonen (meistens der Eltern) wahr und bezieht diese unmittelbar auf sich. Die Mutter ist verstimmt, das muss die Schuld des Kindes sein. Lernt es, dass es nicht stimmt, kann es andere Analysen entwickeln. Wird ihm das Gefühl vermittelt, es ist schuld, oder wird ihm nicht beigebracht, dass nicht alles an ihm liegt, kann es sich schlecht von diesem Denkmuster lösen. Es überträgt sich im späteren Leben auf andere Bezugspersonen, wie den Partner, Freunde oder sogar Vorgesetzte. Man sucht ständig die Schuld bei sich, ist also immer noch in dieser Kind-Denkweise gefangen. Man ist emotional nicht ausgereift und genau das ist das Schicksal, das mich getroffen hat. Es allerdings mit fast 30 nachzuholen ist ein Unterfangen, für das kaum einer in unserer Gesellschaft Verständnis hat. Daher ist meine Therapie auch so wichtig: Mein Therapeut übernimmt die Rolle der Bezugsperson, die mich leitet, mir andere Denkmuster vorstellt und mich unterstützt. Im Prinzip versucht er das zu tun, was in meiner Kindheit versäumt wurde. Nur mit dem Unterschied, dass er gegen 29 Jahre Erfahrung und missbrauchtes Vertrauen ankämpfen muss.

Ich habe früh gelernt, dass es besser ist, keine Emotionen zu zeigen oder überhaupt zu haben. So bildet man keine Angriffsfläche, egal ob das gemeine Mitschüler oder sogar die Eltern sind. Auf die Dauer macht es einen aber kaputt, wenn man eine Person ansieht und sich denkt „ich liebe sie“ aber keine Resonanz in seinem Herzen oder seiner Seele fühlt. Wenn da nichts ist, das fühlt sich nicht richtig an. Wenn eine Berührung nichts auslöst, dann ist es Zeit sich zu fragen, ob man so weitermachen möchte oder nicht. Ich habe mich dafür entschieden, nicht mehr so weiterzumachen. Ich habe die Büchse der Pandora geöffnet und kämpfe jetzt täglich mit Gefühlen – positiv wie negativ –, die ich so noch nicht gefühlt habe, von denen ich den Namen kenne, aber nicht weiß, was ich damit tun soll.

Liebe, Verlangen, Trauer, Schmerz, Glück, Hass.


Wie geht man damit um?