22. Juni 2015

Über die schwarze Frau, die sich Depression nennt

Ihr Lieben, heute einmal ein anderer Text von mir, der mir trotzdem sehr am Herzen liegt:

Die erste Begegnung mit ihr liegt schon lange zurück. Damals war ich vielleicht 15 Jahre, so genau erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich eines Tages nicht mehr die Energie hatte, aus dem Bett aufzustehen und dass jeder Tag dunkel und ohne Freude war. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die schwarze Frau schon häuslich bei mir eingerichtet, doch statt ihr zuzuhören, habe ich sie weggeschlossen und ignoriert.

Ich würde gerne sagen, dass es die beiden Trauerfälle in der Familie waren, die mich ohne Lebensmut zurück ließen. Doch so einfach ist es nicht. Gerade der Verlust meines Onkels und meines Großvaters haben mich zunächst wieder ins Leben zurück geholt, mir einen Schuldigen gegeben und mir eine Situation gegeben, die ich managen musste, um die ich mich kümmern musste. Doch sowie der Ausnahmezustand aufgehoben war und das Leben weiterging, brach ich zusammen. Ein überforderter Teenager mitten in der Pubertät, der eigentlich beschützt werden wollte und doch nicht Teenager sein durfte, sondern plötzlich erwachsen werden musste. Vor dem Tod meines Onkels war ich ein Kind gewesen. Nach der Beerdigung war ich erwachsen.

Lange Zeit habe ich Raubbau mit meinem Körper und, noch schlimmer, mit meiner Seele betrieben. Immer bestrebt, alles noch besser zu machen, noch weiter zu gehen, aber es war nie genug, ich habe nie genügt und so begann ein Kreislauf, der zu lange mein Leben bestimmen sollte. Egal was ich tat, ich war nie wirklich glücklich, immer aufgefressen von Schuldgefühlen für Dinge, die nicht meine Schuld sind. Immer umhergeworfen von Ereignissen, die außerhalb meiner Kontrolle lagen.

In der ersten Phase meiner Depression, als hormonüberfluteter Teenager, hatte ich noch das große Verlangen, zu sterben. Dem täglichen Schmerz, den Gemeinheiten der anderen, der Leere ein Ende zu setzen. Und auch der Krankheit. Denn fast gleichzeitig mir der Depression traten die ersten Asthmaanfälle auf und innerhalb eines Jahres hatte ich so schweres Asthma, dass selbst da Aufstehen aus dem Bett mir den Atem raubte. Mein Geist und mein Körper litten Qualen, doch niemand half mir. Vollgepumpt mit Medikamenten, die mich nur noch dicker machten, meinen Hormonhaushalt nur noch mehr durchwirbelten, habe ich irgendwie die Oberstufe überlebt. Mit 1/3 Fehlzeit in der 12, und einem Mathe Abi, das mir fast das Genick gebrochen hat. Schließlich kamen in der 12. Klasse auch noch unerträgliche Magenschmerzen hinzu. Als mein Hausarzt überfordert war, ließ er mich ins Krankenhaus bringen. Dort folgte ein Satz, der mich die nächsten Jahre meines Lebens verfolgen und quälen sollte: „Sie sind organisch gesund.“

Nach meinem Abi zog ich von zu Hause aus, in eine weit entfernte Stadt und begann mein Studium der Klassischen Archäologie und Ägyptologie, voller Naivität und Enthusiasmus. Die schwarze Frau zog für eine Weile aus meiner Seele aus und das folgende erste Jahr war rückblickend gesehen mein bisher bestes. Das Studium war fordernd, aber das war mir nur recht, denn so konnte ich mich nicht auf meine schreiende Seele konzentrieren und den Schmerz ignorieren. Sterben wollte ich mittlerweile nicht mehr, denn nach einem Beinahe-Unfall, der mich mit ziemlicher Sicherheit getötet oder schwer verletzt hätte, habe ich erkannt, dass ich unbedingt leben möchte!

Der Körper ist ein ausgefuchstes Ding. Langsam schlichen sich die ersten dauerhaften Schmerzen in mein Leben, die die Ärzte als Folge meine Übergewichtes und des Bewegungsmangels sahen. „Nehmen Sie ab und machen Sie Sport!“, rieten sie mir. Es half nicht. Das Asthma ging und die Schmerzen kamen. Massiv. Fixiert auf mein Gewicht entwickelte ich eine Essstörung – und nahm trotzdem nicht ab. Jetzt hieß es auf einmal: „Sie müssen mehr essen!“ Als ob das so einfach wäre, wenn jeder Bissen entweder ein schlechtes Gewissen erzeugt oder solche Bauchschmerzen, das man den Rest des Tages zum Klo rennen muss. Ein Einschub am Rande: Später sollte sich ergeben, dass ich Zeit meines Lebens an einer Weizenunverträglichkeit gelitten habe, die niemandem aufgefallen war.

Gegen Ende meines Studiums funktionierte ich nur noch. Die schwarze Dame hatte sich endgültig in meiner Seele häuslich niedergelassen und ließ sich auch nicht vertreiben.

Die Schmerzen wurden unerträglich. Zeitweise waren sie so schlimm, dass ich nicht mehr laufen oder mich selbst versorgen konnte. Einkaufen, essen kochen, Haushalt – alles war unmöglich für mich geworden. Die Ärzte sagte mir: „Sie sind organisch gesund. Das muss etwas psychisches sein.“ Und so wie sie es sagten, war etwas psychisches gleichbedeutend mit Einbildung. Ich rannte von einem zum anderen, keiner konnte oder wollte mir helfen. „Sie sind zu jung, um chronische Schmerzen zu haben.“ – „Vermeiden Sie Stress!“

Dann, ein Lichtblick: Bei mir wurde Fibromyalgie diagnostiziert. Zuerst kam die Erleichterung, dann die Ernüchterung. Zwar gab es jetzt einen Namen, aber viele Ärzte waren immer noch der Meinung, dass die Schmerzen nur eingebildet waren. Oder auch, dass man rein gar nichts dagegen tun konnte. Ich wurde wieder im Regen stehen gelassen. Als normale Schmerzmittel nichts mehr brachten, bekam ich Tillidin, ohne darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass es sich hierbei um ein Opiat handelt, dass erstens nach einer Weile seine Effektivität verliert und zweitens süchtig machen kann.

Tja, als meine Seele nicht gehört wurde, hat mein Körper angefangen, ihren Schmerz zu spiegeln.

Jetzt sitze ich hier, in einer psychosomatischen Klinik, und versuche, der schwarzen Frau zuzuhören. Ich weiß, dass sie mich im Grunde nur auf mein selbstverletzendes Verhalten hinweisen möchte. Ich weiß, dass ich ihr zuhören sollte. Aber noch immer schreit diese kleine Stimme in mir, die mir sagt, dass Gefühle mein Feind sind, dass sich auf andere Menschen zu verlassen mein Untergang sein wird. Dass es meine Schuld ist.

Und ich sitze hier und kann nicht schlafen, weil ich den Weg nicht sehe, den ich gehen muss. Weil ich mich zu sehr unter Druck setze und irgendwie doch wieder das Gefühl habe, nicht zu genügen. Weil ich weiß, dass ich mit dem Schmerz in meiner Seele nicht weiterleben will und nicht weiterleben kann.

Mitternacht ist längst vorbei und der Regen trommelt immer stärker auf das Dach. Es kommt mir vor, als würde er alles reinwaschen. Die schwarze Frau nickt und lächelt mir zu.